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    Spannungsfelder der Pflege: Neue Strategien helfen im Umgang mit Scham, Demenz und der emotionalen Berufsbelastung

    Die Pflegebranche gerät zunehmend unter Druck: Der demographische Wandel vollzieht sich in rasanter Weise und die Zahl der Pflegebedürftigen wächst immer schneller. Zugleich fehlen professionelle Pflegekräfte – nicht zuletzt aufgrund des mangelnden öffentlichen Ansehens von sozialen Berufen und der geringen gesellschaftlichen Wertschätzung der Pflegebranche. Ältere Menschen pflegen bedeutet für das Pflege- und Betreuungspersonal neben der praktischen Anstrengung starken emotionalen Stress. Ansätze, wie sich der Pflegealltag für Pflegebedürftige und Personal menschlicher und positiver gestalten lässt, stellt am 21. Oktober eine Fachtagung der AWO-Führungskräfteakademie Nordhessen in Kassel vor: In vier Vorträgen weisen Experten auf Problemfelder wie Scham oder Feindseligkeiten im Team hin und zeigen Handlungsstrategien auf, mit denen Pflegende der psychischen Belastung begegnen und sich den ihnen anvertrauten Hilfebedürftigen auf einer neuen Verständnisbasis nähern können.

    Pflege ist nicht nur Handwerk oder Kunst, sondern findet in hohem Maße auf einer rein emotionalen Ebene statt. Vor allem die steigende Zahl der Menschen mit Demenz, die ihre eigene Hilfsbedürftigkeit nicht erkennen können, verlangt dem Pflege- und Betreuungspersonal Einiges ab. Wie man diesen Menschen ein Stück Normalität des Lebens bewahren kann, ihre Gefühle und Fähigkeiten reaktiviert, beschreibt der bekannte Wiener Professor Erwin Böhm im Vortrag zu dem von ihm entwickelten „Psychobiografischen Pflegemodell“. Die Prägungsphasen der Jugend spielen dabei eine entscheidende Rolle, da sich die Betroffenen mit zunehmender Demenz immer mehr auf das kindlich Erlernte zurückziehen. Die biographisch orientierte Pflege agiert in verschiedenen Stufen, vom wachen Verstand des Erwachsenen bis hin zum Säuglingsverhalten, und schlägt entsprechende Strategien vor, um die Betroffenen zu erreichen. Dazu zählen beispielsweise vertraute Rituale oder die Erfüllung individueller seelischer Bedürfnisse.

    Schamgrenzen verstehen, Wortwahl überdenken

    Die Emotionssoziologin und Erziehungswissenschaftlerin Dr. Caroline Bohn beschäftigt sich im Rahmen der Tagung mit dem Spannungsfeld „Scham und Beschämung“. Eben weil sie gewissermaßen zum Berufsalltag gehört, wird Scham in der Pflege kaum thematisiert. Dabei geht es nicht allein um die intimen Grenzen und die Würde des Pflegebedürftigen, sondern auch um die Beschämung des Fachpersonals, das, um Hilfe leisten zu können, immer wieder emotionale und gesellschaftlich verankerte Tabus brechen muss. Die damit einhergehende Belastung steht den schmerzlichen Erfahrungen der Pflegebedürftigen in nichts nach. Scham in all ihren Ausprägungen zu verstehen, ist daher eine grundlegende Voraussetzung, um das eigene Handeln reflektieren und letztlich ein entspannteres Pflegeverhältnis herstellen zu können.

    Um Grenzen geht es auch im Vortrag „Reden ist Pflegen“ von Sandra Wiesner-Mantz. Die Altenpflegerin und Kommunikationstrainerin führt die Wirkung von Worten und Sprachgewohnheiten vor Augen und verweist darauf, dass die Redekultur das Gefühlsklima in Pflegeeinrichtungen grundlegend prägt. Gedankenlose Äußerungen sind im hektischen Alltag verständlich, können aber bei den Pflegebedürftigen zu großer Unsicherheit führen und die zwischenmenschlichen Beziehungen dauerhaft vergiften. Ein bewusster Sprachgebrauch kann dagegen entlasten und hilft, ein vertrauensvolleres und dadurch kooperativeres Verhältnis zwischen Pfleger und Pflegebedürftigen aufzubauen.

    Strategien gegen Aggression und Frust unter Kollegen

    Als ein relativ neues Thema in der Pflegediskussion greift die Tagung auch den Aspekt der horizontalen Feindseligkeit unter Pflegenden auf. Die emotionale Beanspruchung und die fehlende Wertschätzung können zu Aggressionen führen, die sich aufstauen, wenn sie unbearbeitet bleiben. Sie dürfen sich nicht gegenüber den Pflegebedürftigen entladen und werden daher oft ins Team getragen. Die Folgen: Das Arbeitsumfeld und das Arbeitsklima werden schlechter und die dringend benötigten Nachwuchskräfte für die Pflege werden abgeschreckt. Die Diplom-Sozialwissenschaftlerin, Organisationsberaterin und Altenpflegerin Karla Kämmer geht daher auf die Möglichkeiten der Führungskräfte und des Pflegepersonals selbst ein, Feindseligkeiten zu verhindern. Dazu zählt etwa eine intensivere Kommunikation durch Zielvereinbarungsgespräche, in denen Mitarbeiter auch konkretes Lob und Würdigung erfahren.

    Um den Teilnehmern die Möglichkeit zu geben, sich intensiver mit diesem und den anderen Themen zu beschäftigen, sind im Programm ausführliche Diskussionen mit den Referenten vorgesehen. Darüber hinaus wird es ausreichend Zeit für den kollegialen Austausch der Tagungsteilnehmer untereinander geben. Mit der Tagung verfolgt die AWO-Führungskräfteakademie Nordhessen das Ziel, den Pflegenden und Leitungskräften die neuesten Erkenntnisse und Ansätze der professionellen Pflege vorzustellen und ihnen als Rüstzeug an die Hand zu geben, um die speziellen Schwierigkeiten des Pflegeberufs besser bewältigen zu können. Jeder Besucher erhält dazu auch eine Bestätigung über seine Teilnahme an der Vortragsveranstaltung.

    Die Tagung „Herausforderungen und Spannungsfelder der Pflege“ findet am 21.10.2011 im Kongresszentrum von E.on Mitte in Kassel, Monteverdistraße 2, statt und beginnt um 8.30 Uhr. Das Ende ist für 16.30 Uhr angesetzt. Die Teilnahmegebühr beträgt 98 Euro inklusive Mittagsessen und Getränke. Anmeldeschluss ist der 15. September 2011.

    AWO Nordhessen
    Wilhelmshöher Allee 32 A, 34117 Kassel
    Tel.: 0561 5077-450, Fax: 0561 5077-199
    E-Mail: fachtagung@awo-nordhessen.de
    Internet: www.awo-nordhessen.de

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