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DMKG warnt vor sogenannter Corrugatorchirurgie zur Migränebehandlung
Kein wissenschaftlicher Beweis für Wirksamkeit von „Face-Lifting“ Methode
Rostock, den 19. November 2009 - Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) warnt vor der sogenannten Corrugatorchirurgie zur Migränebehandlung. Dieser Methode, die ähnlich wie ein Face-Lifting chirurgisch durchgeführt wird, liegen bislang keine wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit zu Grunde. „Die im Sommer erschienene Studie einer Forschergruppe aus Cleveland/Ohio in den USA zu diesem Operationsverfahren weist erhebliche methodische Mängel auf. So stützt sich die Auswertung nur auf jeweils etwa 16 Patienten in den verschiedenen Operationsgruppen, bei denen die Patienten tatsächlich operiert wurden,“ sagt Prof. Dr. Peter Kropp, Pressesprecher der DMKG. Dies sei für eine allgemeingültige Aussage viel zu wenig. Nach wie vor fehle eine multizentrische, echt placebokontrollierte, prospektiv entworfene Studie. Die aktuelle Studie sei auch deswegen ungeeignet einen wissenschaftlichen Nachweis zu führen, da die Patienten nur in die Studie eingeschlossen wurden, wenn sie bereits durch Botulinumtoxin signifikant weniger Migräneanfälle gehabt hätten. Belegt ist, dass Botulinumtoxin bei episodischer Migräne nicht wirksam ist. Der hohe Erfolgs-Anteil in der Schein-OP-Gruppe lege deshalb den Verdacht nahe, dass das Verfahren auf eine Placebo-Wirkung zurückzuführen ist. Außerdem besteht die Behandlung aus einer verstümmelnden, nicht reversiblen Entfernung eines Gesichtsmuskels. Das könne neben chronischen Schmerzzuständen auch zu kosmetischen Veränderungen der Mimik führen. Da diese irreversibel sind, kann es zu einer langfristigen psychischen Belastung der Patienten kommen.
In der Studie waren die Patienten in Gruppen eingeteilt worden, die einerseits wirklich (Verum-OP) andererseits nur zum Schein (Schein-OP) operiert wurden. Bei dem Verfahren wurde in der Verum-OP Gruppe ein Gesichtsmuskel an der Nasenwurzel (M. corrugator supercilii) entfernt. Der Muskel ruft die Faltenbildung zwischen den Augenbrauen hervor. Das Verfahren beruht auf der Annahme, dass durch diesen Muskel Äste des N. trigeminus komprimiert und hierdurch Migräneattacken ausgelöst würden. Um die Operationseignung eines Migränepatienten festzustellen, erfolgt ein Test, bei dem das „Nervengift“ Botulinumtoxin A zur Entspannung des Muskels in diesen injiziert wird. Zur Operation werden nur Patienten zugelassen, die über einen Zeitraum von acht Wochen eine mindestens 50-prozentige Reduktion ihrer Migränehäufigkeit nach der Injektion von Botulinumtoxin A haben. Die Erfolgsquote wird mit 31-prozentiger Kopfschmerzfreiheit und 51-prozentiger Besserung der Migräneattacken über ein Jahr angegeben. Bisher wurden keine kontrollierten Studien zur Wirksamkeit der Corrugatorchirurgie publiziert, die wissenschaftlich überzeugt hätten, so die Ansicht der DMKG. Das Verfahren stützt sich überwiegend auf retrospektiv erhobene Daten, die deshalb keine wissenschaftliche Beweiskraft haben. Es besteht die Gefahr, dass Migränepatienten in unlauterer Weise auf die nicht wirklich nachgewiesenen Erfolge dieser Methode aufmerksam werden und Hoffnung für eine Besserung ihres Leidens schöpfen, die mit dieser Methode keinesfalls bewiesen ist. So ist auch die Studie von Guyuron et al. aus Cleveland nicht geeignet, eine Empfehlung für die operative Migränechirurgie auszusprechen. Die Kosten für das Operations-Verfahren von rund 4.000 Euro werden nicht von den Krankenkassen übernommen.
Informationen zur Migräne
Die Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzformen. Etwa sechs bis acht Prozent aller Männer und zwölf bis 14 Prozent aller Frauen leiden unter einer Migräne. Das sind in Deutschland rund acht Millionen Menschen. Bei der Migräne kommt es auf Grundlage einer erblichen Veranlagung durch interne Auslöser (Hormone, Schlaf-Wachrhythmus, Stress u.a.) zu einer Veränderung der inneren Reaktionsbereitschaft, so dass externe Faktoren eine Migräneattacke auslösen können. Während der Migräneattacke kommt es zu einer Aktivierung des trigemino-vaskulären Systems mit einer keimfreien Entzündungsreaktion im gefäßnahen Gebiet der großen Hirnarterien und Hirnhautgefäße. Eine Kompression trigeminaler Fasern als Ursache oder Trigger einer Migräneattacke ist wissenschaftlich nicht belegt. Genau dieser Mechanismus wird jedoch bei der Corrugator-Chirurgie unterstellt. Auch in den Publikationen zur Corrugatorchirurgie werden keine Belege für eine solche Annahme berichtet.
Methodik der Corrugator-Chirurgie
Das methodische Vorgehen der Corrugatorchirurgie prüft zunächst das klinische Ansprechen einer Botulinumtoxin A Injektion. Nur wenn es zu deutlich weniger Migräneattacken hierdurch kommt, erfolgt der operative Eingriff. Damit werden nur Migränepatienten zur Operation zugelassen, die auf Botulinumtoxin A positiv reagieren. Zahlreiche randomisierte, doppel-blinde, kontrollierte Studien haben bisher keinen Beweis für die Reduktion der Migränehäufigkeit nach Injektion von Botulinumtoxin A bei episodischer Migräne erbringen können. Daher ist davon auszugehen, dass für die Corrugatoroperation vor allem Patienten eingeschlossen werden, die auf Placebo-Gaben verstärkt ansprechen. Damit wäre eine operative, also invasive Maßnahme nicht notwendig, da derselbe klinische Effekt durch eine einfache Injektion eines Medikamentes über Wochen zu erzielen ist.
Generalsekretär und Pressesprecher
Prof. Dr. Dipl.-Psych. Peter Kropp
Institut für Medizinische Psychologie im Zentrum für Nervenheilkunde
an der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock
Gehlsheimer Str. 20, D-18147 Rostock
Telefon +49 381 4949530/31
E-Mail peter.kropp@med.uni-rostock.de



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